Donnerstag, 11. Oktober 2007

Sag mal...

Meine Beziehung zu den chinesischen Austauschstudenten hat sich auf erstaunliche Art und Weise ruckartig verbessert. Ganz genau habe ich die Hintergründe auch noch nicht durchschaut, aber ich werde es mal so beschreiben, wie es sich aus meiner Sicht darstellt.
Am Montag sind zwei Japanerinnen vorbei gekommen, um mich und Ju Min zu besuchen: Chie, die auch mit beim Bowling war und eine ihrer Freundinnen, die wir noch nicht kannten. Die beiden brachten als Überraschungsgast noch einen taiwanesischen Studenten mit, der inzwischen seit einigen Jahren hier lebt. Schnell saßen wir mit noch ein paar weiteren chinesischen Studentinnen an einem Tisch zusammen und unterhielten uns auf Japanisch, Englisch und Chinesisch. Es war alles sehr lustig. Später wurde die Runde dann etwas kleiner und es blieben noch Chie und ihre Freundin, Ju Min, Yoyo und ich zurück. Yoyo ist schon vorher mit Sprüchen, wie "Ju Min kommt nicht aus Taiwan, sie kommt aus China" blöd aufgefallen und sprach nun schon seit einer Weile nicht mehr mit Ju Min. In der großen Runde war das nicht weiter aufgefallen, aber als wir nun zu viert da saßen, war es schon etwas komisch. Ju Min und Yoyo sind beide im selben Japanischkurs und als Teil ihrer Hausaufgabe, sollten sie Japaner über das japanische Frauen- bzw. Männerbild befragen. Das taten sie den auch und daraus entwickelte sich eine interessante Unterhaltung über kulturelle Unterschiede.
Wie und warum sich die Richtung des Gespräches dann änderte, kann ich nicht mehr genau sagen, auf jeden Fall fing Yoyo mit einem mal an von der Wichtigkeit der nationalen Einheit zu sprechen und dabei Ju Min bedeutungsvolle Blicke zuzuwerfen. Ju Min sah echt bedrückt aus und mir platzte der Kragen. Ich fiel also Yoyo ins Wort und sagte, dass man das doch jetzt echt nicht so wichtig nehmen solle, schließlich sei das was ganz normales und würde eigentlich überall auf der Welt stattfinden. Yoyo war sehr erstaunt und fragte: "Echt?". Natürlich wollten dann alle wissen, wie ich das meinte und ich habe mich etwas aus dem Fenster gelehnt und habe von den Grenzstreitigkeiten in der deutschen Geschichte mit Dänemark und Frankreich erzählt und von der Schaffung Polens nach dem zweiten Weltekrieg und dass auch heute nicht alle Leute mit der Grenzziehung einverstanden sind. Dann habe ich noch kurz von den Unabhängigkeitsbestrebungen in Quebec und im Baskenland erzählt, die unglückliche Grenzschaffung in Afrika miteingeworfen und gefragt, ob eigentlich schon mal einer von Ihnen vom Tschetschenienkrieg gehört hat (Nö, hatte keiner). Dass Venezuela immer noch Anspruch auf Guyana erhebt und es bestimmt auch noch im Irak Leute gibt, die der Ansicht sind, dass Kuwait zu ihnen gehört, fanden sie dann schon fast amüsant und auch Yoyo entspannte sich immer weiter. Das bemerkte auch Chie, die dann einwarf, dass auch Japan da so ein paar Inseln im Norden hätte, bei denen man sich darüber streiten können wem die eigentlich gehören. Yoyo war zutiefst erstaunt und nachdenklich und hat dann gemeinsam mit Ju Min den Abwasch gemacht!
Etwas später fiel mir auf, dass Yoyo anscheinend versuchte mich mal für einen Moment allein zu erwiswchen. Also ließ ich mich erwischen. Sie stand ganz emotional vor mir und es schien ihr etwas auf der Seele zu brennen. Nach ein wenig herumstammeln, brachte sie dann heraus: "Julia, kann ich dir eine Frage stellen?". Ich sagt, dass sie das auf jeden Fall können und sie fragte, fast aufgebracht: "Julia, was ist das wichtigste für deutsche Menschen? Es ist ihr Besitz, ihr Eigentum, oder?!?" Ich war verblüfft und antwortete, dass ich glaube, dass für deutsche Menschen andere Menschen, also ihre Freunde, Familie und so am wichtigsten sind. Es war dann für einen Moment ganz still und Yoyo schaute zu Boden. Dann hob sie den Kopf und sagte nur: "Ahhhh, ich verstehe", lächelte und ging weg.
Seitdem kommen immer wieder welche von der chinesischen Studenten zu mir und fragen: "Julia, kann ich dir eine Frage stellen?". Es haben sich daraus viele sehr interessante Gespräche entwickelt und da ich dieselbe Frage dann meistens auch stelle, habe ich schon viele interessante Dinge über China erfahren.
Aber das Beste ist:
Die Stimmung ist besser und alle sind entspannter.

1 Kommentar:

Sabrina hat gesagt…

Omg! Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Zum einen bin ich Erstaunt wegen diesen ganzen Taiwan/China-Querelen, also dass das so einen Einfluss auf den Umgang untereinander hat. Dann find ichs wieder irgendwie putzig, wie die nach deinem Rundumschlag reagiert haben. Und unterm Strich fällt mir nur wieder ein: Typisch Julia! Dafür muss man dich einfach lieben!! *knuddel*